Silikon an Bord

Es gibt an Bord der Auguste eine Ecke, die bei uns nur „die Fettecke“ heißt. Oder vielmehr hieß. Dort hat ein Voreigner Silikon in die Fuge zwischen Decke und Seitenwand gedrückt. Großzügig. Von innen. Gegen Wasser, das von außen kommt.

Die Fettecke

Es hat, so viel vorweg, nie funktioniert.

Tape, Leak Hero, Silikon

Die Fettecke war kein Einzelfall. Wir haben an Bord überall Tape gefunden, dazu eine schmierige Pampe namens Leak Hero und eben Silikon — in Ecken, an Fensterrahmen, unter der Decke. Ein halbvoller Topf Leak Hero stand noch in der Backskiste.

Nichts davon hat auch nur einen einzigen Tropfen aufgehalten. Das Wasser kam trotzdem, und zwar durchs Deck.

Warum Silikon schlimmer ist als nichts

Man muss in einem Segelforum eigentlich nur das Wort „Silikon“ fallen lassen. „Silikon hat an Bord nichts verloren!“, kommt dann innerhalb von Minuten, barsch, aus dem Nichts und praktisch immer ohne Begründung.

Der Reflex stimmt. Nur erklärt ihn selten jemand — also hier der Versuch:

Es wandert. Silikonöl bleibt nicht, wo man es hingeschmiert hat. Beim Schleifen verteilt es sich mit dem Staub über die frisch geschliffene Fläche, und mit Lösemitteln wird es meist schlimmer statt besser: Die lösen das Öl an, verteilen es großflächig und verdunsten, das Silikon bleibt.

Danach haftet nichts mehr. Der Grund ist Oberflächenspannung: Silikon setzt sie dort, wo es sitzt, herab. Der Lack zieht sich von der Stelle zurück und wirft ringsherum einen Wall auf. In der Lackiererei heißt dieser Fehler Silikonkrater — früher Fischauge —, und die Fachliteratur ist da eindeutig: schon geringste Spuren genügen.

Und dichten kann es trotzdem nicht. Das ist die eigentliche Pointe: Silikon haftet auf Holz und Beschlägen zu schwach, um dauerhaft dicht zu halten — aber zu gut, um sich später rückstandsfrei entfernen zu lassen.

Wir können das aus eigener Praxis nur bestätigen. Als wir die Decke der Nasszelle nach langer Diskussion weiß lackiert haben, hatten wir das alte Silikon aus den Ecken gekratzt, so gut es eben ging. „So gut es ging“ reichte nicht: Der frische Lack löste sich in genau diesen Ecken, kaum dass er trocken war.

Wie man es wieder loswird

Kurzfassung: mühsam.

Der Wulst selbst kommt mechanisch herunter: mit einem Schaber aus Kunststoff, dessen Kante man flach über das Holz führt, Millimeter für Millimeter. Das dauert.

Was danach im Holz sitzt, ist der eigentliche Gegner: das Öl. Dagegen hilft Silikonentferner — bei uns steht der von Mipa an Bord, ein Standardprodukt aus dem Autolack-Bereich. Entscheidend ist dabei weniger das Mittel als die Arbeitsweise: satt auftragen, mit einem sauberen Tuch abnehmen, bevor es verdunstet — und jedes Tuch nur einmal verwenden. Wer mit demselben Lappen weiterwischt, schiebt das Silikon nur über eine größere Fläche. Siehe oben.

Und dann kommt der Teil, den kein Datenblatt beschreibt: Geduld. Ecke für Ecke, mehrfach. Geduld beginnt, wenn man glaubt, keine mehr zu haben. Unsere Geheimwaffe dafür ist die Beste Bordfrau von Allen, die für solche Arbeiten eine Ausdauer mitbringt, die mir vollständig abgeht. Ich hätte nach zwei Stunden zum Pinsel gegriffen und gehofft, dass es schon halten wird. Judith hat rund zwei Wochen gebraucht — und danach doch noch weitere Stellen gefunden.

Fair bleiben: Silikon war mal die naheliegende Wahl

Wer in den Siebzigern ein Deck vergossen hat, hatte nicht unser Arsenal an Mittelchen zur Verfügung. Klassisch wurden Decks mit Pech vergossen, ab den Fünfzigern kamen die zweikomponentigen Polysulfide von Thiokol, die jahrzehntelang das Mittel der Wahl blieben. Die einkomponentigen Polyurethane, die heute Standard sind, kamen spät: Sika erschloss sich mit Sikaflex erst in den Achtzigern die Automobilindustrie, die Deckvariante kam danach — und die Firma hinter Pantera wurde erst 1999 gegründet.

Silikon war in den 70er Jahren naheliegend: dauerelastisch, UV-fest, wird nicht spröde. Genau deshalb kam es in Skandinavien ab Werft ins Boot — in die Deckfugen, unter das Teak, an die tausenden Schrauben, die durch das oberste Laminat gehen. Eine Vindö 65 von 1977 zum Beispiel: Teakstäbe schwimmend auf sechzehn Millimeter Mahagonisperrholz, Fugen mit Silikon verfüllt. Knapp fünfzig Jahre später hat sich das Silikon gelöst und das Deck ist undicht.

Die Falle

Wer so ein Deck erbt, hat keine freie Wahl mehr. Auf alten Silikonfugen haftet keine Polyurethan- oder MS-Masse — Sika und Konsorten scheiden aus. Es gibt deshalb eigens eine silikonbasierte Stabdeck-Fugenmasse, Pantera Sea Line 1000 DC, ausdrücklich beworben für Decks, die ab Werft silikonhaltig verfugt wurden, „besonders skandinavische Boote“. Man bekommt so ein Deck also durchaus wieder dicht — nur eben für immer mit Silikon.

Auf dem Deck selbst stört das am wenigsten — dort wird ja nichts lackiert. Kritisch ist die Fuge zum Aufbau: Dort stößt die Fugenmasse direkt an lackiertes Mahagoni, und genau diese Naht haben wir nach dem Neulackieren wieder gezogen. Wäre dort Silikon gewesen, hätte der frische Lack an der Kante seine Krater bekommen — ausgerechnet an der Stelle, die man ohnehin alle paar Jahre wieder anfassen muss.

Bei uns ist dieser Fluch gebrochen, denn zum Glück wurde Mitte der Neunziger das Deck der Auguste komplett erneuert — mit Sika. Nur deshalb können wir heute Fuge für Fuge nacharbeiten, mit Primer und Aktivator, und es hält. Auch sonst ist Silikon nicht per se Teufelszeug: Für Glas, für Hitze, für den Sanitärbereich ist es das richtige Material. Nur eben nicht dort, wo später jemand lackieren, kleben oder dichten muss. Und das ist auf einem Holzboot so ziemlich überall.

Der eigentliche Punkt

Ein Klassiker lebt davon, dass man ihn reparieren kann. Genau das ist ja das Argument für Holz: Man kann es schleifen, ergänzen, neu lackieren, in dreißig Jahren nochmal. Silikon nimmt einem genau diese Möglichkeit — nicht sofort, sondern beim übernächsten Mal.

Unsere Regel an Bord ist deshalb simpel: Nichts wird zugeschmiert, um ein Leck zu verstecken. Erst die Ursache suchen, dann mit dem Material dichten, das an diese Stelle gehört — Fugenmasse ins Deck, MS-Polymer unter den Beschlag, und für die Kartusche mit dem Wort „Silikon“ drauf findet sich im Badezimmer zu Hause vielleicht noch eine Verwendung.

Eine Fettecke ist keine Abdichtung. Sie ist ein Hilferuf von einem verzweifelten Eigner.

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