Lille Svea
Irgendwann Anfang 2014 träumte ich mal wieder von einem eigenen Boot. Das ging mir schon seit Jahren so: Jedes mal, wenn ich an einem Hafen vorbei kam oder ein Boot am Horizont langsam vorbeizog – oder eben im Winter, wenn man zu Hause sitzt und an schönere Tage denkt.
Sehnsucht.
In den Monaten zuvor hatte ich bereits überlegt, was für eine Art von Boot mir gefallen könnte. In einer Yacht fand ich beispielsweise einen Artikel über eine Bianca 27 – so etwas in der Art mochte ich: Ein Boot aus den 70ern, nicht zu groß, beherrschbar für jemanden, der jahrelang nur auf Charteryachten unterwegs war und wenig Erfahrung mit der Pflege und Wartung von Booten hatte. Keine große Plastik-Badewanne mit U-Spant und sparsam angebolztem Kiel, der bei der ersten kräftigen Grundberührung zur Großbaustelle wird. Keine 08/15 Inneneinrichtung mit Kunststoff-Oberflächen und ohne Atmosphäre.
Sobald man wirklich bereit dafür ist, findet sich etwas passendes in der kürzesten Zeit. Bei mir war es die erste Anzeige, auf die ich stieß, die allererste Bootsbesichtigung meines Lebens: Da stand dieses Boot mit den knuffigen Formen in einer Halle in Burgstaaken und wartete auch mich.
Elf kurzweilige Jahre war die Lille Svea erst mein, dann unser perfektes kleines Boot. Warum das heute nicht mehr so ist und wir die Kleine aufgeben müssen, habe ich unter Kopenhagen – Eine Art Törnbericht beschrieben.
Steckbrief
Ein GFK-Klassiker von 1975
Eine Fellowship 28, Gebr. De Kloet
Ein wunderbares BootFamilienmitglied 2014-2025
Lille Svea
Die Lille ist ein typisches Boot der 70er Jahre – und ein typisches Boot der Niederlande. Gebaut für die Binnengewässer rund um das Ijsselmeer, ebenso wie für die Nordsee mit ihren Tidengewässern und dem zeitweise ruppigen Wetter. Gebaut auch für Familien, mit 5 Kojen, und ausgesprochen freundlichem Seeverhalten bei Wind und Welle. Man wird sich in dem Boot kaum jemals unsicher fühlen, aber auch kaum je eine Regatta gewinnen.
Obwohl die Fellowship ein gemäßigter Langkieler ist, lässt sie sich auch von ungeübter Hand auf dem Teller drehen und präzise in jedes Loch manövrieren. Mit ihren für moderne Verhältnisse überschaubaren Außenmaßen ist man bei der Suche nach einem Liegeplatz überhaupt auf der Sonnenseite. Man findet praktisch immer noch eine Lücke, während andere bereits einen Ankerplatz suchen. Gleichzeitig ist das Boot ein absolutes Raumwunder.
| Bootstyp | Fellowship 28 |
| Werft | Gebr. De Kloet, Niederlande |
| Baujahr | 1975 |
| Baunummer | 23 |
| Länge über alles | 8,80m |
| Länge Wasserlinie | 7,2m |
| Rumpfgeschwindigkeit | 6,4kn |
| Breite über alles | 2,65 |
| Tiefgang | 1,10m |
| Verdrängung | 3,6t |
| Ballastanteil | 1,6t |
| Masthöhe | <12m |
| Segelfläche | 30qm – 38qm |
| Motor | Yanmar 3YM20 von 2022 |
| Dieseltank | 30L |
| Wassertank | 120L |
| Batterien | 12V, Starterbatterie 62Ah, Verbraucher 110Ah |
| Heizung | Diesel, Eberspächer D2L mit Easystart Pro, 2023 |
| Kocher / Brennstoff | Gas, 2024 |
De Kloet hat die Fellowship mit einem „Binnen-Rigg” und einem „See-Rigg” angeboten. Die Lille hat das See-Rigg, ist damit wie man so schön sagt etwas untertakelt, was in der Praxis schlicht bedeutet, dass man selten reffen muss (wir sind auch bei 24kn Wind schon mit Vollzeug über die Förde gebrettert), bis 7kn Wind aber keine echte Freude aufkommt, bis man den Blister setzt. Aber irgendwas ist ja immer.
Ein älterer Herr schwärmte einmal in Gelting von der Fellowship: sie wäre keinesfalls langsam, sie bräuchte nur einen Drehflügenpropeller. Der feste Propeller würde wie ein Eimer wirken, den man hinterherzieht. Nachdem ich an anderer Stelle von bis zu 1,5kn Geschwindigkeitsgewinn gelesen habe, war ich tatsächlich drauf und dran – aber dann kam das Leben und hatte andere Ideen.
Das Boot ist stäbig, reagiert also trotz flachem Kiel gutmütig auf Wind; ich habe sie kaum je über 20 Grad Lage bekommen. In dem tiefen Cockpit fühlt man sich dabei sicher wie in Abrahams Schoß.
Vorschiff
Das Vorschiff ist kuschelig und recht breit (am Kopfende), läuft aber schmal zu und ist vielleicht nicht optimal für Menschen über 1,85m.
Die Toilette – nun sie existiert und kann benutzt werden. Komfortabel ist sie nicht, ich sage immer, dass ich sie mir eher anziehe, als dass ich sie betrete. Aufenthaltsqualität ist anders – aber hey, wer sitzt im Boot schon stundenlang auf dem Thron? Dafür gibt es aber einen Waschtisch mit Stauraum, einen Spiegel und alles, was das Herz (außer Platz) begehrt. Gegenüber vom Klo (Steuerbord, ohne Foto) ist ein komfortabler Schrank der großzügiger ist, als vieles was ich auf Großserien-Charterbooten teilweise vorgefunden habe. Reichlich Raum für mehrere Wochen Segeltörn mit zwei – drei Personen.
Dinette
Anders als 90% oder mehr aller Boote ist die Fellowship mit einer Dinette gesegnet. Gesegnet? Ja. Für mich gibt es auf kleineren Fahrtenbooten kein besseres Raumkonzept. Auf der einen Seite auf einem kleinen Podest ein Tisch mit zwei Bänken, auf der anderen Seite die Pantry und sogar noch eine Hundekoje. Den Tisch kann man beim kochen mitbenutzen, was unter anderem dazu geführt hat, das bei uns auch mal ein schweineleckeres Saltimbocca alla Romana mit Risotto anstelle der früher eher üblichen Dosenravioli auf den Tisch kam. Sitzt man am Tisch, kann man aus dem Fenster schauen und das Hafenkino genießen. Schon dafür würde ich eine Dinette niemals gegen eine klassische Alternative tauschen.
Die klassische Alternative: Eine Bank Backbord, eine Steuerbord mit einem Tisch in der Mitte und dem Blick auf die Bordwand. Sozusagen im Keller sitzend. Irgendwo noch eine winzigkleine Ecke für den Spirituskocher und ein paar Tassen. Natürlich hat die klassische Aufteilung einen Grund: Beim Blauwassersegeln schläft man auf der Bank deutlich sicherer als in einer Dinette mit heruntergelassenem Tisch. Aber ich segle auf 28″ halt nicht über die Ozeane…
Moderne Yachten bekomme übrigens seit Jahren immer mehr Fenster in der Bordwand. Teilweise sogar an Stellen, wo das gar nicht so cool ist: im Vorschiff etwa, wo man es morgens durchaus genießen kann, wenn es dunkel bleibt. Aber diese Fenster haben auch gar nicht den Sinn und Zweck, für Licht zu sorgen: Wie meinte mal ein Bootsbauer einer bekannten Großserienwerft? „Überall, wo wir ein Fenster einbauen, müssen wir keine Schränke vorsehen – das spart Geld”.
Die Pantry – damals und heute
Der Gasherd war bereits bei der Übernahme 2014 nicht mehr einsatzbereit. Zehn Jahre lang behalfen wir uns mit einem Camping-Gaskocher für unterwegs und einer Elektroplatte im Hafen, die wir später durch eine Indunktionsplatte ersetzten. 2024 wollten wir wieder einen ‚ordentlichen’ Herd haben und bauten bei der Gelegenheit die komplette Pantry neu: Socken und Seitenwand blieben stehen, den Rest haben wir komplett durch neues Marine-Bootsbausperrholz für den Außenbereich mit 1,3mm Furnierstärke von Sommerfeld & Thiele ersetzt. Das sollte jetzt wieder 50 Jahre lang halten.
Auch das umliegende Holz, wie zum Beispiel die Blende hinter der Spüle und rechts von der Pantry das Holz rund um die Elektrik wurde bei der Gelegenheit mit getauscht. Das war nicht vordringlich, sah hinterher aber verdammt gut aus – und wenn man schon mal dabei ist…
Cockpit
Was soll ich sagen? Im Cockpit sitzt man auch zu viert beim segeln oder zu sechst beim Bierchen ganz wunderbar. Reichlich Platz an der Pinne übrigens – das kenne ich auch anders.
Achtern haben wir das Cockpit mit einem Polster um 2qm erweitert – unser Lieblingsplatz im Hafen und bei schönen Wetter durchaus auch unter Segeln. Sehr bequem!
Pinne mit Pinnenausleger, der Reitbalken samt Traveller und die Tür zum Niedergang sind in den letzten zwei Jahren ersetzt worden. Pinne & Traveller kommen aus „Uli’s Pinnenparadies” und sind von Hand aus Mahagoni und Esche laminiert und mit mehreren Schichten Epoxy und neun Schichten Lack beschichtet. War Arbeit. Die Pinne ist der Hammer.
Was man auch noch sieht: die Winschen sind von Andersen. Wer Andersen-Winschen nicht kennt: Anders als die meisten anderen, sind diese aus Edelstahl, nicht aus verchromtem Messing. Sprich: die glänzen auch nach 20 Jahren noch, während die meisten anderen schnell unansehnlich werden. Abgesehen davon haben Andersen-Winschen Rippen anstelle der üblichen „Reibeisen-Oberfläche”, was genau so gut hält (unter Zug nämlich), aber besser zu fieren ist und vor allem: die Schoten nicht kaputt schleift.
Maschine & Co
Praktisch neu. Keine 250h gelaufen.
Protokoll
Die letzten Jahre waren wir recht fleißig. Hier eine unvollständige Liste der wichtigeren Dinge:
2015-2019
- Neue Genua
- Neuer M-Anker
- Sitzpolster achtern
- Whale Lenzpumpe
- Batterie-Ladegerät
2020-2022
- Kompass neu
- Raymarine-Instrumente
- Cockpit-Tisch neu
- Sitzpolster
- Blister
- Fußboden im Salon
- Neue Furlex Rollreffanlage
- Wanten & Stagen ersetzt
- Laufendes Gut ersetzt
- Neue Matratzen fürs Vorschiff
- Batterien erneuert
- Regal & Einlegeböden in den Backskisten
- Andersen 28 Winschen & Kurbeln
2023
- Neue Yanmar 3YM20 Maschine mit Getriebe, Welle und Schraube
- Dinette saniert, diverses Holz getauscht und/oder lackiert
- Neuer Fußboden in der Dinette
- Neue Jabsco Toilette
- Schapps lackiert
- Blöcke für Fockschot ersetzt
- Dieselheizung von Eberspächer
2024-2025
- Neue Pinne von Uli incl. Persenning
- Fussboden im Salon
- Himmel im Vorschiff
- Neue Relingdrähte & Spanner
- Neue Tür im Niedergang
- Bugspriet montiert
- Neue Führung der Holeleine
- Gasfach laminiert & gestrichen
- Schwalbennester laminiert & gestrichen
- Reitbalken & Traveller neu von Uli
- Mittelklampen montiert (yeah!)
- Neue Front fürs Elektrofach
- Flaschenregal ersetzt
- Gardinenstangen erneuert
- Gasversorgung neu
- Gasherd, Pantry und Spüle neu
- Pantry, alles neu.