Im Hafen

Vor ein paar Wochen haben wir die ‘Auguste von Orust’ zu Wasser gelassen. Das erste Manöver: Wenden im Hafenbecken und dann anlegen in einer Box. Und weil man schon einmal dabei ist, haben wir das “Wenden in der Boxengasse” gleich mehrfach geübt, denn: Langkieler sind berüchtigt dafür, dass sie im Hafen nicht so gut manövrieren können. Und wir hatten bisher keine Vorstellung davon, wie gut oder schlecht eine Vindö 50 sich dabei schlägt.

Kurz gesagt: Es ist wirklich anders. Ganz anders, als alle Boote, die ich bisher gewohnt war. Aber kein Drama.

Unsere Vindö ist mit einem Bugstrahlruder ausgestattet. Ihr wisst schon: eines dieser total nervigen Dinger, die uns alten Hasen den Spaß am Hafenkino im Laufe der Jahre genommen haben, weil jede 30-Fuß-Yacht mittlerweile damit ausgestattet ist. Dieses Teil, mit dem Chartercrews schon in der Hafeneinfahrt anfangen, herumzuröhren, lange bevor sie überhaupt in die Nähe einer Box kommen. Selbstverständlich will ich unsere Auguste ohne dieses Ding anlegen können.

Ganz abgesehen davon, dass ich noch nicht mit so einem Ding angelegt habe, nota bene.

Wir probieren also die üblichen Manöver: Vorwärts, Ruder hart Steuerbord, Maschine achteraus einkuppeln, dabei das Ruder hart Steuerbord halten. Vorwärts Schub geben, etc.

Beim Vorwärts Schub geben passiert zunächst weniger, als ich mir das wünschen würde. Das ist anders als bei der Lille Svea, die mehr oder weniger auf dem Teller dreht - ganz anders! 6500 kg fordern ihren Tribut. Rückwärts hilft der wunderbar ausgeprägte Radeffekt, aber wenn ich Schub voraus gebe, passiert erst einmal nicht so viel. Das Boot reagiert sehr träge, und es dauert eine Weile, bis es überhaupt anfängt, sich zu bewegen. Und dann ist die Boxengasse auch schon wieder überquert. Das ganze Manöver funktioniert so semi-geil, ich muss mich umstellen.

Ich versuche es mit deutlich mehr Gas. Das hilft deutlich, aber ich merke, dass auch die Maschine noch nicht sauber eingestellt ist. Gerade eingekuppelt komme ich bereits auf 4,5 kn, das ist viel zu viel. Und wenn ich etwas mehr Gas gebe, rappelt die Kiste. Ich bekomme Angst um die Maschine und alles, was mit ihr verbunden ist. Erst bei höherer Drehzahl kommt Ruhe in die Maschine. Ohne, dass man die Drehzahl wirklich deutlich hören würde - da stimmt noch etwas nicht.

Wir haben eine Woche Zeit, um die Auguste langsam kennenzulernen. Unter Segeln und bei einer Fahrt über drei, vier Knoten: Ein Traum! Sie läuft perfekt ausgewogen geradeaus, reagiert sehr gut auf das Ruder, braucht es aber nicht. Hammer, sowas habe ich noch nie erlebt. Das ist dermaßen anders, als alles was ich von anderen Booten kenne - ich bin vollkommen hin und weg!

Wir fahren nach Birkholm, ich wende im recht engen (und flachen!) Hafenbecken ohne Bugstrahlruder und bin einigermaßen zufrieden.

Die nächsten Tage geht es weiter. Unter Vollzeug bei wenig Wind: Geradeaus, ohne Luv- oder Leegierigkeit. Unter Genua und Besan bei 4-6 Bft: dito. Einfach nur vollkommen ausgewogen. Man muss das Ruder nur feststellen, wenn man für mehr als ein paar Minuten unter Deck möchte. Das einzige Manko, was mir auffällt: Wenn wir beigedreht unter backstehender Genua liegen, müssen wir das Vorsegel übernehmen und können nicht, wie bei der Lille, einfach Ruder legen. Damit kann ich leben.

Was schwieriger ist: Wenn ich im Hafen über den Backbordbug drehen will, um beispielsweise Stb. an einem Boot ins Päckchen zu gehen - das klappt so gar nicht. Gegen den Radeffekt brauche ich viel mehr Fahrt und viel mehr Platz, als mir in einem Hafen in der Regel zur Verfügung stehen. Auch das kenne ich nicht. Ein etwas peinliches Manöver in Mommark, aber Schlimmeres passiert nicht.

Ich werde wohl noch so einige Manöver in Häfen versemmeln, bis ich mich an die Auguste gewöhnt habe. Oder bis ich endlich lerne, das Bugstrahlruder als das hinzunehmen, was es ist: eine manchmal wirklich hilfreiche Unterstützung für ein Boot, das bauartbedingte Eigenheiten hat.

Am vorerst letzten Tag, nach etwa einer Woche Jungfernfahrt, kommen wir nach Flensburg.

Wir laufen in die Flensburger Förde und haben wirklich unangenehm ausgeprägte Böen. Grundwind bei 4 Bft, in Böen bis 6 Bft. Teilweise wirklich keine Vorwarnungen. Wir laufen unter Genua 2 und Besan. Wenn eine Böe einfällt, legen wir uns teilweise bis 25° oder auch kurz 30° auf die Seite. Aus lauter Gewohnheit (die Lille hatte nie mehr als 20° - schon gar nicht bei so ‘wenig’ Wind) luve ich jedes Mal deutlich an, um das Boot wieder aufzurichten (und weil ich dem Rigg noch nicht traue). Irgendwann wird mir klar, dass ich mich daran gewöhnen muss: das Boot legt sich nun einmal mehr auf die Seite - und ich muss nur das Ruder halten. Wir werden mit mehr als 6 kn über Grund belohnt. Jule (unser English Cocker Spaniel) nimmt es wie ein Seehund hin.

Es geht in eine relativ enge Boxengasse (mir kommen noch alle Boxengassen eng vor), die Box ist an Steuerbord. Wir haben für meinen Geschmack deutlich zu viel Wind: vielleicht noch 15–20 kn in der Boxengasse von Backbord querab, also in die Box hinein.

Das kommt mir zugute. Am Steg steht ein Segler aus der Nachbarbox: ‘Wo ist Nummer 22?’ rufen wir - und er weist uns ein. Es ist unser erstes Anlegemanöver in der neuen Box. Ich fahre auf der ‘falschen’ Seite, in Luv in die Boxengasse. Absichtlich etwas zu weit, um direkt in die Box zu wenden – meine Frau bekommt schon etwas Puls. Dann lege ich den Rückwärtsgang ein. Dadurch stoppen wir nicht nur auf, der ‘Arsch’ dreht sich auch nach Backbord. Radeffekt. Und wie geplant - nein: erhofft - dreht sich das Boot sahnemäßig weiter. Achterleinen über, geradeaus, Vorleinen über. Alles top. Zugegeben, war da etwas Glück bei, denn wie sich das Boot bei welcher Fahrt und dem jeweiligen Wind wie dreht - das ist noch nicht ins Blut übergegangen.

Ich fange jedoch an, ein Gefühl zu entwickeln. Die Prinzipien kenne ich soweit - jetzt muss sich nur noch dieses Gefühl verfestigen. Das Gefühl dafür, dass die Abstände vorne und hinten passen, dass die Drehung passt, der Wind, und so weiter. Das wird dauern und das wird den einen oder anderen Bockmist zur Folge haben, das eine oder andere Hafenkino. Viel Spaß dabei.

Und irgendwann werde ich dann auch das Bugstrahlruder verwenden. Diesem Spielverderber. Wenn es denn sein muss. Und mich eventuell sogar damit versöhnen, vielleicht, wer weiß.

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