Kopenhagen – Eine Art Törnbericht

Unser Boot ist eine Fellowship 28 von 1975. Liebevoll gepflegt, kontinuierlich verbessert und vor allem: das fast perfekte Boot für die Dänische Südsee. Die ist nämlich nicht nur wunderschön, sondern das wissen auch alle. Im Sommer sind die Häfen daher oft überfüllt, vor allem natürlich die besonders schönen Häfen. Manch einer läuft daher schon sehr früh aus, um schon am Mittag einen der begehrten Liegeplätze zu erreichen. Wir holen erst mal frische Brötchen und frühstücken dann in aller Ruhe, je nach Wetter in unserer Dinette (mit Blick auf das Hafenkino) oder im Cockpit (dito). Die Dinette ist einer der Gründe, warum wir unsere „Lille Svea„, so lieben.

Irgendwann zwischen 10:00 und 11:00 geht es dann los und wenn wir keine Lust mehr haben oder der Hund langsam unruhig wird, geht es in den nächsten Hafen. Einen Platz bekommen wir dort praktisch immer, denn mit nur 1,10m Tiefgang und 2,65m Breite ist das normalerweise kein Problem. Irgendwo findet sich immer noch eine Ecke, die zu klein für die ganzen modernen Yachten ist, mit ihren Spülmaschinen, Fernsehsesseln und über 4m Breite. 

Vor ein paar Jahren waren wir zum Beispiel mal im Juli in Marstal. Die Yachten lagen längst in großen Trauben um die Köpfe der Stege herum und sogar an den Dalben vor den Boxen. Wir sind bei den Fischern untergekommen, in einer Box, in die nur wir (und die Fischer) hineinpassten.

Ostsee-Roulette

Die Dänische Südsee, rund Fünen und auch nach Osten raus ins Smålandfahrwasser, das kannten wir schon alles. Auch die deutsche Küste, wenn auch nicht immer mit der „Kleinen“. Aber in Kopenhagen waren wir noch nicht, und das wollten wir dieses Jahr endlich ändern. Endlich, weil das bereits das dritte Jahr war, in dem wir den Plan gefasst hatten.

Der erste Versuch startete 2022, da sind wir von Flensburg über Langeland rüber ins Smålandfahrwasser, wo zunächst ein Hafen schöner als der andere war. Bisserup zum Beispiel. Im Törnführer als „merkwürdiger“ Hafen beschrieben, den nur revierkundige ansteuern sollten. Wir hatten ja Seekarten und den Törnführer, fühlten uns daher revierkundig genug – und was soll ich sagen? Der Hafen war tatsächlich merkwürdig und nicht nur deshalb wunderschön und etwas besonderes.

Weiter ging es nach Vordingborg, was uns einfach nicht gefiel, ohne dass man Hafen und Ort wirklich etwas vorwerfen könnte. Dann weiter durch die Brücken nach Stubbeköbing. Eigentlich nett, tolle Landschaft, aber wir hatten uns auf Ortschaft gefreut und fanden nur Leerstand. Stubbekøbing ging es schon lange nicht mehr gut. 

Die nächsten Tage gab es für unseren Geschmack zu viel Wind und auch die Stimmung drehte sich gegen Kopenhagen. So ging es raumschots bei 24kn Wind wieder retour, in einem tollen Ritt durch bis Femø, wo wir den Femø Kro fanden und dort ganz wunderbar versackten. Herrlich.

Den zweiten Versuch unternahmen wir dann 2024, dieses mal im Uhrzeigersinn um Fünen mit einem Abstecher nach Ebeltoft, weil ich da schon lange mal hin wollte. Das war ein Fehler, obwohl Ebeltoft damit zu meinen Lieblingsstadthäfen avancierte. Ein Fehler, weil wir damit den einen Tag verpassten, an dem wir noch gut über den Belt kommen konnten. In Ebeltoft hingen wir vier Tage herum (naja: vier sehr schöne Tage, mit Ausflügen nach Aarhus, einem Besuch auf der Fregatte Jylland, langen Spaziergängen und so). Über den Belt sind wir dann doch noch, nach Sejerø, was seither eine meiner Lieblingsinseln ist. Aber eben nicht mehr nach Kopenhagen, denn die Zeit wurde knapp und eigentlich wollten wir lieber noch ein paar Tage ins Smålandfahrwasser…

Vor ein paar Jahren habe ich „Ostseeroulette“ von Stephan Boden gelesen. Er spricht mir mit dem Buch aus der Seele, denn das mit diesen Plänen, die es unbedingt zu verfolgen gilt, ist einfach nicht meins. Beim segeln erst recht nicht. Was weiß denn ich, ob ich nächste Woche Dienstag in der Stimmung bin, Kopenhagen anzusteuern? Oder ob ich nicht lieber wieder nach Bisserup möchte? Oder in diese kleine Bucht, von der der Stegnachbar so geschwärmt hat? Pläne…

Pläne

Über den Winter 24/25 fabulierten wir trotzdem wieder. Einen Nachttörn bis Middelfart oder auch weiter. Rüber nach Sejerø, das ist ja so schön. Und wenn man schon mal da ist? Kopenhagen ist so eine tolle Stadt. Und diese vielen kleinen Häfen nördlich von Kopenhagen! Und dann weiter Richtung Süden durch die Stege Bucht oder vielleicht um Møn herum, an den Klippen vorbei? Hach! 

Nebenbei schraubten wir wieder am Boot herum. Nachdem wir in den letzten Jahren schon eine neue Maschine eingebaut haben, eine Dieselheizung, die Andersen-Winschen, einen Bugspriet, eine handlaminierte Pinne, den neuen Fußboden und vieles mehr, war nun eine neue Gasanlage incl. Gasherd sowie, weil wir gerade so schön dabei waren, eine komplett neue Pantry fällig. Erwähnte ich bereits, das wir gerne am Boot basteln?

Spätestens mit dem Einbau der neuen Maschine hatten wir uns festgelegt, an der Kleinen mit all ihren Vorzügen bis ins Alter festzuhalten. Da waren wir ganz klar: Alles andere wäre quatsch, denn den Preis für die Maschine und all den anderen Kram bekommt man ja nie wieder heraus. Ein perfektes Boot gibt es ja eh nicht, da kann man auch einfach das, was man hat, perfektionieren und an die eigenen Bedürfnisse anpassen. 

Neue Segel standen als nächstes auf der Liste. Für 2026.

Rechtzeitig zum Ansegeln 2025 war tatsächlich auch alles fertig, die Gasanlage offiziell abgenommen und es ging los, bei vorfrühlinghaften 11 Grad über Sønderborg und den Fox & Hounds nach Flensburg, wo unser Sommerliegeplatz in der Hafenspitze liegt. 

In Sønderborg lagen wir wieder neben „der“ Vindö, einem dieser wunderschönen und top gepflegten Boote mit hochglanz-lackiertem Mahagoniaufbau und ganz, ganz viel feinem Teak. Bei so viel Schönheit ziehe ich den Hut vor dem Eigner.

Als wenn es ein Vorzeichen wäre.

Himmelfahrt

Kurz vor Himmelfahrt (und damit etwa zwei Monate vor unserem nächsten Törn nach Kopenhagen) kam dann Axel auf uns zu. Er wolle sein Boot jetzt doch verkaufen und ob wir es nicht haben wollen? Beim Preis würden wir uns garantiert einig werden, meinte er.

Axel ist der Vermieter der Ferienwohnung, in der wir immer übernachten, wenn wir im Winter an unserer Kleinen arbeiten. Und der Vermieter der Halle, in der die Kleine im Winter steht. Und der Eigentümer der Vindö 50 SL Ketsch, die seit Jahren neben unserer Kleinen steht und auf ihre Auferstehung wartet: ein Projektboot mit Geschichte. 

Das Boot hatte Axel vor Jahren günstig erstanden. Ein Voreigner hatte sich an dem wunderschönen Holz vergangen, es mit einer Flex geschändet und ihm mit schlecht aufgetragener und vollkommen untauglicher mahagonifarbener Baumarkt-Tunke den Rest gegeben. Ein Trauerspiel.

Unser Himmelfahrtstörn stand damit unter keinem guten Stern mehr. Dauernd suchte ich nach Fotos von einer Vindö 50 SL Ketsch, nach Informationen darüber, wie man eine Ketsch segelt und was die Vorzüge sind. Nach Informationen darüber, wie man mit einem älteren Teakdeck umgeht und was man anstellt, wenn es am Ende ist und woran man das eigentlich erkennen kann. Nach der Geschichte der Vindö, ihrer Werft und den Konstrukteuren. Und nach der Bedeutung dieser ominösen Buchstaben „SL“ und der 50. Nach all den anderen Vindös, die es so gibt und welche davon gerade zu welchem Preis verkauft werden. 

Wie ein Wochenend- und Partyraucher war ich süchtig, lange bevor ich es realisierte. Und natürlich habe ich noch nie so viele Vindös auf der Förde gesehen, wie auf diesem kurzen Törn. Unter anderem zwei 50er, die ich wirklich aus jedem Winkel fotografiert habe, aus dem ich sie vor die Kamera bekam. Unnötig zu sagen, dass ich meinen Mitseglern gehörig auf die Nüsse ging und den Törn auf dem eigenen Boot gar nicht mehr richtig genießen konnte.

Offiziell wiegelt ich ab: Chance höchstens 50:50, und selbst wenn der Preis stimmt, die Kleine ist perfekt und was wir da reingesteckt haben, blablabla. Meine Frau hatte derweil längst angebissen: „Fifty-fifty? Nee, da bin ich schon weiter. Guck mal, wenn wir älter werden… und die Achterkajüte wäre doch perfekt für unseren Jan… und man könnte auch leichter mal Freunde mitnehmen… und das schöne Holz, und beim Preis meinte Axel ja, das wir uns einig werden…“. 

Ich liebe meine Frau.

Wir segelten noch die Woche nach Himmelfahrt und machten dann einen Termin mit Axel: Samstag in der Halle, Besichtigung mit allen Schikanen. Mit der Taschenlampe durch die Backskisten und in den Motorraum und durch alle Schränke und Schapps.

Ich wusste gar nicht, dass man früher mal solche Boote gebaut hat. Massives Mahagoni für die Schränke, mehrere Zentimeter stark. Das wenige Sperrholz mit Furnierstärken von mehreren Millimetern. Der Lack an vielen Stellen noch perfekt, an anderen reichte anschleifen und lackieren. Alles Holz war mit überdimensionierten Schrauben gut zugänglich mit dem GFK-Rumpf verschraubt und ließ sich also leicht demontieren, sollte das je erforderlich sein. Aber außen!? Und die Elektrik? Und alles war mit Tape verklebt, ohne erkennbaren Grund. Heieiei, da lauerte seeeehr viel Arbeit auf uns.

Aber wir basteln ja gerne am Boot – und Axel wusste das. Beim Preis wurden wir uns tatsächlich einig und Axel übernahm auch noch das Abziehen des alten Lackes und Planschleifen des mit der Flex malträtierten Holzes und ein paar Dinge mehr.

Kopenhagen 2025

Und so ging er dahin, unser Traum vom Törn, von der durchsegelten Nacht, dem langen Schlag bis Sejerø, dem Abstecher ins Kattegatt, dem langsamen Hafen-Hopping nördlich von Kopenhagen, dem Besuch des Flakfortet, den lauen Abenden mit einem Glas Wein im Cockpit. Von wegen „rund Fünen und Seeland“. Segeln 2025, das war im Wesentlichen ein Törn über Himmelfahrt und eine Woche mit meiner Frau.

Stattdessen rupften wir die Fenster heraus, demontierten ungefähr 250 Kleinigkeiten von den Aufbauten, kratzten Fugen aus, schliffen uns die Hände blutig (naja, fast), verarbeiteten etliche Liter Epifanes 2K Lack, rissen eine Dieselheizung, sämtliche Lampen und meterweise Kabel aus dem Boot, erneuerten Borddurchlässe und Seeventile, die Stromversorgung und alle Instrumente und Geber, reinigten jeden Zentimeter des Bootes unter Deck mindestens ein halbes Dutzend mal, schliffen auch dort und lackierten – und sind bei weitem noch nicht damit fertig. Die letzte Zählung ergab weit über 70 Tage Arbeit an Bord, womit unser gesamter Urlaub und die meisten Wochenenden draufgingen. Ein wenig urlaubsreif sind wir mittlerweile, freuen uns aber gleichzeitig auf das kommende Wochenende, an dem wir neue Seeventile und Schläuche für die Drainage des Cockpits einbauen und dann den neuen, bereits fertig laminierten Batteriekasten montieren. Das wird toll!

Merkwürdige Hobbys haben wir.

Saisonabschluss

Gerade heute kommt die Kleine aus dem Wasser, meine Frau macht das dieses Jahr ohne mich. Für uns ist es das letzte mal, irgendein Glücklicher wird das Boot bestimmt bald übernehmen – und hoffentlich gut behandeln.

Ein schlechtes oder gar langweiliges Jahr hatten wir sicherlich nicht, aber wir freuen uns sehr auf 2026. Den Abschluss der wichtigsten Arbeiten. Die neuen Polster im März. Die gründliche Reinigung des Teakdecks. Die ersten Versuche, einen Langkieler rückwärts in die Box zu bekommen und das grandiose Hafenkino, das wir dabei bieten werden. Und natürlich das wunderschöne Hafenkino, das wir mit einem Glas Wein in der Hand in unserem frisch lackierten Cockpit genießen werden, wenn wir es uns nach einem herrlichen Tag unter Segeln gemütlich machen. 

Und wer weiß? Vielleicht segeln wir ja sogar nach Kopenhagen.