
1985 habe ich zusammen mit meinem Vater den Sportbootführerschein gemacht. Angeblich haben wir beide voreinander geprahlt, dass wir uns gar nicht auf die Prüfung vorbereiten müssen, weil wir ja schon alles kennen und wissen – nur um dann Abends heimlich im Bett zu büffeln. Männer.
Nicht ganz so lange segelt meine Frau: aber fünfzehn Jahre sind es mittlerweile auch. Und zwar nicht „mitsegeln“, sondern bei allen Wettern auf dem Vorschiff oder an der Pinne bei Dreckswetter, auf Rennziegen und Kaffeeseglern. Und auch wenn sie bisher nie den Ehrgeiz hatte, zu skippern – eigentlich kann sie das meiste. Außer Anlegemanöver vielleicht, aber das ist auch meine Schuld.
Den SKS habe ich bisher nicht gemacht. Vielleicht war das ein Fehler… denn jetzt ist meine Frau dabei und hat sich auch schon für den Praxistörn angemeldet – und entwickelt Ehrgeiz.
„Weißt du eigentlich“, meinte sie neulich beim Frühstück in der Dinette, „dass ich bald besser ausgebildet bin als du?“ Sie grinst dabei so selbstgefällig, dass mir der Kaffee hochkommt. „Heißt das dann, ich bin dann demnächst auf der Auguste der Skipper?“
Aus unerfindlichen Gründen muss ich dabei an Urmel denken: den Fox meines Onkels. Jahrelang züchtete mein Onkel Rauhaardackel für die Jagd, bevor er sich auf Fox Terrier verlegte. Irgendwann war Urmel dann ausgewachsen und wollte das Rudel übernehmen. Hat sie dann auch getan. Das ging für Hexe, die bisherige Rudelführerin gar nicht gut aus.
Keine Ahnung, wie ich darauf komme. Nacheinander schießen mir Bilder durch den Kopf: Brutus, der seinen Vater meuchelt. Fletcher Christian und die Bounty. „Fletcher Christiane“ denke ich kurz – nur das meine Frau Judith heißt, das passt also nicht.
„Klar“, sage ich. „Kannst gerne den Skipper machen. Sobald du selbständig eine Tonne findest.“ Ihre Augen sind nicht die besten, das muss selbst sie zugeben. Der Hintergrund: Seit Jahren liegt unser Boot in Flensburg, und seit Jahren fahren wir also auch an der Schwiegermutter vorbei. Die Schwiegermutter – das ist eine allgemein bekannte Tonne, die wirklich jeder in der Region kennt. Muss man auch, denn direkt neben ihr wird es sehr flach. „Wer die Schwiegermutter schneidet, den lässt sie auflaufen“, heißt es, und jedes Jahr bewahrheitet sich das mehrere Male aufs Neue.
„Sind wir schon an der Schwiegermutter vorbei?“, fragt meine Frau mit schöner Regelmäßigkeit. Wir sind schon dutzende Male an dieser Tonne vorbeigefahren. Hundertmal. Ich seufze dann schwer und denke, dass ich doch mal die Karte zeigen sollte. Auf der Förde brauchen wir die tatsächlich nicht oft…
Wir kabbeln uns also. Irgendwann fällt das Wort vom ‚Kaleu‘, dem Kapitänleutnant aus „Das Boot“. Ihr wisst schon: Bester Film aller Zeiten. Der Alte. Den Rest des Abends ist sie nur noch „Die Alte“, worüber wir beide lachen können, während wir weiter sticheln. Ok, ich lache lauter darüber, als sie.
„Weißt du was“, sagt sie dann und lächelt mich an, „ich lass dich trotzdem Skipper sein. Fürs erste.“
„Fürs erste?“
„Solange du die Tonnen siehst. Und die Schwiegermutter. Bist ja auch nicht mehr der Jüngste.“
Tja, das hört man doch – äh – gern. Aber ich will nicht klagen, habe ich doch bald die Beste Skipperin von allen.
Hauptsache, ich darf ab und zu ans Ruder.



