Orangenhaut

Wenn man einige Wochen Zeit investiert, um ein Boot von Grund auf neu zu lackieren (siehe auch Neuaufbau des Lacks und Checkliste: 2K Lack im Außenbereich erneuern), dann stellt man sich als Ergebnis eigentlich etwas vor, wie man es heute selbst bei preiswerten PKWs erwarten kann: eine spiegelglatte, vollkommen makellose Oberfläche, in der man sich wie in einem Spiegel (spiegelglatt eben) sehen kann. Wenn das Ergebnis nach den vielen Tagen nerviger Arbeit dann wie hier aussieht – dann ist das einigermaßen frustrierend:

Das Foto ist nach immerhin vier Schichten Epifanes PP Extra und vier weiteren Schichten Epifanes Polyurethane DD Klar entstanden – und nein – das Ergebnis liegt nicht am Lack. Wäre natürlich bequemer, davon auszugehen, dann müsste ich nicht an meinen Fähigkeiten zweifeln…

Normalerweise bildet sich Orangenhaut bei zu hohen Temperaturen oder zu großen Schichtstärken des Lackes. Letzteres passiert(e mir) gerne beim lackieren mit Pinseln – was ich bisher eigentlich immer bevorzugt habe – aber da ging es um kleinere Teile in der heimischen Werkstatt – und um 1K Lacke.

Insgesamt hatten wir Temperaturen um die 20 Grad, Luftfeuchtigkeiten im oberen Bereich, vielleicht bis 70% (und nachts dann auch mehr). Da wir 2K Lack für den Aufbau benutzt haben, spielt die relative Luftfeuchtigkeit möglicherweise eine Rolle: Lt. Datenblatt soll man nicht über 75% gehen, wobei (mir) unklar blieb, ob es dabei um eine durchschnittliche Luftfeuchtigkeit über den Tag, eine maximale Luftfeuchtigkeit während der Verarbeitung, oder sonst etwas ging. Wie auch immer. Man munkelt, dass eine zu hohe Luftfeuchtigkeit zu einem nur teilweise bzw. milchigem Aushärten des Lackes führen kann (’soft cure‘), weil die Lösungsmittel dann nicht mehr ausreichend schnell entweichen können. Worauf wir natürlich so gar keinen Bock hatten. Irgendein schlauer Mensch schrieb: „Für den gleichen Arbeitsaufwand und die selben Kosten kann man auch auf geeignete Bedingungen warten“. Was richtig ist, aber ausblendet, das manche Leute eben nicht beliebig lange die perfekten Bedingungen warten können – etwa weil der Urlaub halt auch irgendwann zu Ende ist.

Da wir also im Grenzbereich arbeiten mussten, dachte ich mir, dass man die ‚0-5% Verdünnung‘ für die letzten N Schichten besser in Richtung 0% interpretieren sollte, wenn wir den Lack aufbringen: Noch mehr Lösungsmittel könnten das mit dem soft cure wahrscheinlicher machen. Vielleicht ist das sogar so – keine Ahnung. Mittlerweile vermute ich aber, dass das eine blöde Idee war, und dass wir uns damit die o.g. Orangenhaut eingehandelt haben. Möglicherweise konnte der Lack mangels Verdünnung nicht mehr ausreichend verlaufen, bevor er aushärtete…?

Im nächsten Schritt sind wir jedenfalls noch mal mit einem gründlicheren Zwischenschliff mit 240er Papier über den Lack gegangen (statt der bisherigen Behandlung mit 360er Handschleifpads zwischen den Schichten). Anschließend haben wir zum einen 10% Verdünnung beigemischt (Epifanes PU Pinselverdünner für den verwendeten DD Lack), zum anderen etwa 50% mehr Lack als in früheren Schichten aufgetragen (o-ton: Da muss auch etwas sein, was verlaufen kann…). Das Ergebnis war dann viel besser (aber immer noch mit etwas Orangenhaut).

Zwei Parameter verändern (Schichtdicke & Verdünnung) ist immer Mist, wenn man etwas lernen will. Wir wissen also nicht, ob unser Fehler tatsächlich die fehlende Verdünnung war, oder ob wir schlicht zu wenig Lack appliziert haben. Aber irgendwas ist ja immer – und auch mit einer nur guten, wenn auch nicht herausragenden Lackierung können wir nächstes Jahr segeln. Und wenn man einen Schritt zurück macht – das sieht dann schon ziemlich schick aus. Die Kamera ist gnadenlos.

Mittlerweile sind wir bei 9 Schichten, von denen vier Grundierung (PP Extra) sind, die einiges an Schichtstärke beitragen sollten. Müssen es auch in unserem System die 14 Schichten sein, von denen einige Eigner berichten, die im 1K System geblieben sind?

Tja. Wie viel Zeit kann man investieren? Ist es mit einer weiteren Schicht getan? Mit zweien? Drei? Liegt es an der Schichtdicke? Oder an der Verdünnung? Am Untergrund? Dem eigenen Können? Muss gespritzt werden? Ist es doch ein anderer Lack? Das Internet ist voll von Meinungen. Ich meine, wir haben es gut hinbekommen und bin stolz auf das Ergebnis.

Wer weiß? Ihr? Dann gerne in den Kommentaren… 🙂 Wir jedenfalls können jetzt, im Oktober 2025 nicht noch mehr Zeit aufbringen und nennen das Ergebnis „fertig“, damit wir auch die anderen Baustellen noch angehen können: Polster, Elektrik, Seeventile, Lack im Innenraum, etc. pp.. Nebenbei müssen wir auch noch einem (naja: zwei) Brot&Butter-Job gerecht werden, und unseren Urlaub 2025 haben wir bereits verarbeitet. Gleichzeitig wissen wir, das wir im nächsten Herbst wieder ein oder zwei Schichten aufbringen werden – der einzige Nachteil ist, dass wir dann alle möglichen störenden Teile im Weg haben werden. Winschenpodeste, Instrumente im Cockpit, und dergleichen mehr. Aber damit werden wir die nächsten Jahre so oder so leben müssen…

PS: Wir haben mittlerweile mit Schaumpinseln (siehe Pinsel oder Rolle?) experimentiert und dabei sehr gute Ergebnisse erzielt. Das Problem scheint eher in einer gleichmäßigen Schichtstärke (verbunden mit wirklich sorgfältigen Zwischenschliffen) als in der Verdünnung zu liegen.