Heiligabend in der Halle. Ein Blechstall am Rand von Gelting, am Ausgang der Flensburger Förde. Ungeheizt, undicht, zugig an den Ecken. Drinnen riecht es nach Lösungsmitteln, Öl und altem Holz. Unsere kleine Werft. Die Auguste liegt auf ihrem Bock wie in einer Krippe – nicht gerade in Windeln gewickelt, eher unter Abdeckplane gegen das Wasser, das bei starkem Regen seinen Weg durch das Dach in unser Boot findet. Da liegt sie nun und wartet. Auf Erlösung, nach acht Jahren Hallenlager, könnte man sagen – wenn man zu viel Glühwein hatte.
Wir sind nicht Maria und Josef. Wir sind die Pilger, die am Heiligen Abend zu einer Blechhalle wandern, um einem Boot zu huldigen. Keine Heiligen Drei Könige, keine drei Weisen. Eher zwei mäßig Kluge aus dem Abendland, die sich lieber ein altes Boot herrichten als für einen niedrigeren Preis ein neueres fertig zu erwerben. Und es wieder so entscheiden würden. Aber immerhin: Wir haben Glühwein dabei. Und Spekulatius. Und Jule, unseren Cocker und Bordhund: sie kuschelt sich derweil ans Schaf.

„Sie sieht traurig aus“, sagt meine Frau und mustert die Aufbauten. Das Teak ist grau, der Lack noch nicht poliert. Aber das Mahagoni glänzt wieder, zum ersten Mal seit vielen Jahren. Wir haben es ihm beigebracht, dem Holz: Das Glänzen. Viele, sehr viele Tage Arbeit stecken mittlerweile in diesem Boot. Unser gesamter Urlaub. Die meisten Wochenenden. Wir sind ein wenig ausgelaugt und überarbeitet.
„Nicht traurig“, sage ich. „Erwartungsvoll. Sie will endlich wieder ins Wasser.“ Wir wissen beide, dass ich es bin, der erwartungsvoll ist. Wie ein Kind am heiligen Abend warte ich auf die Bescherung.
Wir prosten der Auguste zu. „Auf dein erstes Weihnachten bei uns, in unserer Familie.“
Irgendwo in der Halle knackt es. Das Holz arbeitet. Oder es ist Auguste, die uns antwortet. Wir schweigen eine Weile. Der Glühwein wird kalt, die Spekulatius sind aufgegessen. Auguste liegt still da in ihrer Krippe aus Stahlrohr und Holzbalken, das Boot glänzt im romantischen Licht der LED-Baustrahler. Nicht Weihrauch und Myrrhe, die wir ihr bringen. Eher Epifanes, Pantera und gute Vorsätze. Und Gold, ja, das schon. Ein teurer Spaß, so eine alte Dame.
„Frohe Weihnachten, Auguste“, sagt meine Frau, „Frohe Weihnachten“, flüstere ich.
Das Holz knackt leise in der Stille der Halle.
Ich schwöre, sie hat geantwortet.





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